6 Diskussion und Ausblick

Das Problem der seltenen, fächerübergreifenden PC-Nutzung ist facettenreich und komplex. Verantwortlich für diese Situation sind viele Akteure im Mehrebenensystem schulischer Bildungssteuerung: Die Universitäten bereiten die Lehrer nicht entsprechend vor, die Kommunen stellen keine ausreichende IT-Ausstattung zur Verfügung, Landes- und Bezirksregierungen, Schulleiter und Kollegien vermeiden es, die fächerübergreifende Medienbildung nachhaltig, verpflichtend und mit einem vorgegebenen Stundenumfang in den Lehrplänen und Didaktischen Jahresplanungen zu verankern.

Vergleicht man diese Situation mit der Situation in den 1980er-Jahren, lassen sich jedoch überraschenderweise gar nicht so viele Unterschiede erkennen. Auch damals waren die Lehrer auf den Unterricht in Informatik, EDV und ITG weder technisch noch didaktisch vorbereitet. Auch damals gab es in den kommunalen Haushalten keine Rückstellungen für Schul-Computerräume und bei den Landes- und Bezirksregierungen keine ausgearbeiteten Lehrpläne für die Fächer Informatik, EDV und ITG. Trotzdem gelang es innerhalb eines Jahrzehnts diese Fächer curricular zu verankern.

Vor dem Hintergrund, dass die Politik in den 1980er-Jahren die curriculare Verankerung von Informatik, EDV und ITG genauso befürwortete, wie sie heute den fächerübergreifenden PC-Einsatz befürwortet, es hier bei ähnlichen Rahmenbedingungen aber seit 2001 nur marginale Fortschritte gibt, scheint es wahrscheinlich, dass die ausschlaggebenden Impulse in den 1980er-Jahren nicht von der Politik ausgingen. Stattdessen könnte der Einfluss der Wirtschaft entscheidend gewesen sein. Deren Erwartungen und Forderungen an die Bildung ihrer zukünftigen Mitarbeiter könnten einen Dominoeffekt ausgelöst haben: Eltern und Schüler wollten den Anforderungen der Wirtschaft entsprechen und forderten deshalb ein entsprechendes Unterrichtsangebot zu schaffen. Die Politik beugte sich dem Druck der Straße und setzte die Wünsche von Wählern und Wirtschaft um.

Um heute einen ähnlichen Dominoeffekt im Bereich der fächerübergreifenden PC-Nutzung anzustoßen, müsste vermutlich wieder die Wirtschaft die entscheidenden Impulse geben. Deshalb kommt Politik, Wissenschaft und Forschung heute die Aufgabe zu, der Wirtschaft den ökonomischen Mehrwert der fächerübergreifenden Medienbildung transparent zu machen, damit diese die entsprechenden Impulse gibt. Parallel dazu wäre es nötig, die rechtlichen Rahmenbedingen für den schulischen Einsatz digitaler Medien zu verbessern (vgl. Niederastroth 2015: 18 f.).

Die Chancen für einen Gesinnungswandel stehen gut. Langsam reift bei der Wirtschaft die Erkenntnis, dass Schüler nicht automatisch kompetente Nutzer werden, nur weil sie in einer von digitalen Technologien geprägten Welt leben (vgl. vbw 2015: 95 f.). Die Auswirkungen der fehlenden Medienkompetenz sind bereits in der Arbeitswelt zu spüren. So fühlt sich laut einer Umfrage von TNS Infratest ein Drittel aller Arbeitnehmer in der Arbeitswelt 4.0 überfordert, obwohl sich die Hälfte der Befragten regelmäßig fortbildet (vgl. F.A.Z. 2015).

Doch trotz dieses günstigen Klimas wird – nachdem die Wirtschaft die entscheidenden Impulse gegeben hat – wieder ein Jahrzehnt vergehen, bis der fächerübergreifende PC-Einsatz im Unterricht zur Normalität werden wird. Das liegt nicht nur daran, dass ein solcher Prozess im System Schule auch mit massiver politischer Unterstützung eine Dekade benötigt (vgl. Kapitel 4.1), sondern auch an den vielen konkurrierenden pädagogischen Anliegen (vgl. Kapitel 5.5.3), die trotz entsprechender gesetzlicher Bestimmungen bis heute nicht zufriedenstellend an den Schulen umgesetzt wurden, z. B. die Inklusion (vgl. Süddeutsche Zeitung 2015) oder die Integration von Migranten- und Flüchtlingskindern.

Erschwert werden wird eine entsprechende Steuerung des Schulsystems durch die finanzielle Situation von Ländern und Kommunen. Diese ist heute deutlich angespannter als in den 1980er-Jahren. Zudem kommen auf die Länder und Kommunen heute deutlich höhere Kosten zu als damals. Denn natürlich kostet es mehr, jeden Schüler mit einem PC oder einem mobilen Endgerät auszurüsten, als pro Schule ein paar wenige Computerräume einzurichten.

Eine zusätzliche Beschränkung wird die Educational Governance dann dadurch erfahren, dass die Länder sich die benötigten Finanzmittel ab 2020 nicht mehr leihen dürfen. Die im Zuge der Föderalismusreform II im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse erlaubt es den Ländern gem. Art. 109 (3) 1 GG nicht mehr, Kredite zur Finanzierung ihrer laufenden Ausgaben aufzunehmen. Somit werden die finanziellen Möglichkeiten der Länder genau dann beschränkt, wenn ein Durchbruch für die fächerübergreifende Medienbildung erwartet werden darf.

Dennoch gibt es Hoffnung. Die KMK sieht die vielen finanziellen Hürden und arbeitet zusammen mit der Bundesregierung an einem Weg, wie den Ländern und Kommunen trotzdem geholfen werden kann. Über die Details schweigen sich die Mitarbeiter der KMK bislang noch aus. Aber sie erwarten in drei bis vier Jahren erste Ergebnisse.

PDF-Version: Educational Governance – Medienbildung in der Schule

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